Warum ich manchmal die Regeln breche zum Wohl meiner Patienten

Warum Intuition in der evidenzbasierten Physiotherapie trotzdem zählt

Als Physiotherapeut bin ich ein grosser Befürworter von evidenzbasierter Praxis. Die Wissenschaft gibt uns Struktur, verhindert Überbehandlung und hilft, fundierte Entscheidungen zu treffen. Aber in der Praxis gibt es Momente, in denen mein klinisches Bauchgefühl und meine Intuition lauter sprechen als eine Leitlinie.

In diesem Newsletter spreche ich dich direkt an, ob du selbst Physiotherapeut/in bist, im Gesundheitswesen arbeitest oder vielleicht Patient/in warst. 

Es geht darum, warum Intuition nach wie vor eine Rolle spielt, und warum der Kontext manchmal wichtiger ist als eine Studie. Ich zeige dir drei typische Situationen, wo deine Intuition eine grosse Rolle spielen kann.

1. Rückenschmerzen: Wenn „nichts tun“ nicht genug ist

Bei unspezifischen Rückenschmerzen empfehlen Leitlinien meistens wenig bis keine Behandlung. 90–95 % der Betroffenen haben nach sechs bis acht Wochen keine Beschwerden mehr sogar ohne Therapie. Ein kurzes Gespräch, vielleicht ein Übungsblatt, und dann einfach abwarten.

Aber in meiner Praxis sehe ich Menschen mit Schmerzen, Verunsicherung und Frust. Sie haben schon viel probiert, vielleicht schlafen sie schlecht oder sind im Job belastet. Abwarten in einer solchen Situation ist sehr unangenehm und teilweise nicht aushaltbar.

Deshalb „breche“ ich die Regel manchmal und frage direkt nach:

„Wie geht’s dir mit den Übungen? Hast du heute deinen Spaziergang gemacht? Wie fühlst du dich? Ich zeige eine neue Übungsvariante. Ich gebe Sicherheit und Orientierung..''

Klar, ist es gut für die Praxis wenn Patienten wiederkommen, aber im Mittelpunkt steht für mich der Mensch. Was mich am glücklichsten macht sind gesunde Patienten und Feedbacks: ''Ich kann mich wieder schmerzfrei bewegen. Ich kann wieder selbst einkaufen gehen! Ich kann wieder Ski fahren!''

Wenn du gerade Schmerzen hast und dir gesagt wurde, es sei nichts Genaues feststellbar. Warte nicht einfach ab, suche dir Unterstützung, damit du weisst, was du tun kannst und wie du wieder in Bewegung kommst.

2. Die gestresste Studentin: Wenn Emotionen den Schmerz antreiben

Eine junge Frau kommt zur Behandlung, mitten in der Prüfungsphase. Zwölf Stunden pro Tag am Schreibtisch. Sie hat viele Verspannungen, Kopfschmerzen und Nackenschmerzen.

Es gibt keine Verletzung, es gab keinen Unfall und keine klare Diagnose. Aber ihr Körper ist im Dauerstress-Modus. Ihr Nervensystem ist überreizt, und ihre Muskeln sind ständig angespannt.

In einer solchen Situation, entscheide mich teilweise für eine intuitive Herangehensweise. Vielleicht eine manuelle Therapie, gezielte Atemübungen in einer entspannende Umgebung und ein paar aktive Bewegungen. Manchmal reicht eine einzige Sitzung, um das System zu beruhigen. Es ist wichtig den Menschen als Ganzes wahrzunehmen.

Wenn du in einer stressigen Phase bist und dein Körper „streikt“, warte nicht ab. Körperliche Schmerzen reflektieren oft deinen inneren Zustand. Unterstützung zu holen ist stark.

3. Leitlinien sind ein Kompass, kein Käfig

Ich arbeite als Physiotherapeut meistens immer nach evidenzbasierten Leitlinien. Sie sind sehr wichtig, da sie dich und mich schützen.

Aber, wir behandeln keine Studien in der Praxis. Wir behandeln täglich Menschen.

Wenn jemand sagt: „Ich kann nicht schlafen, mein Alltag ist beeinträchtigt, ich kann mein Kind nicht mehr heben“, und die Empfehlung lautet „einmal beraten und dann abwarten“, dann frage ich mich:

„Was sagt mein Bauchgefühl und was ist der tiefere Kontext hier?“

Oft passt die Realität nicht ins Schema. Dann geht es darum, mit Verantwortung und Erfahrung abzuwägen. Als Physiotherapeut ist es auch wichtig unseren Erfahrungen zu vertrauen, genau zuzuhören, genauer zu beobachten und nicht nur anhand von einem Leitfaden zu orientieren.

Fazit

Evidenzbasierte Leitlinien sind wichtig, aber sie ersetzen nicht das genaue Hinhören und die Erfahrung aus der Praxis. Manche Situationen erfordern mehr als nur das, was auf dem Papier steht, sie erfordern Intuition, Menschlichkeit und gesunden Menschenverstand.

Denn am Ende zählt nicht nur, was wissenschaftlich korrekt ist, sondern was dem Menschen vor dir wirklich hilft.

Buche jetzt deinen Termin bei uns.

Sportliche Grüsse,
Frans

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